„Afrika ist kein homogener Markt“
Von Kenia bis Ruanda: Ostafrika bietet bayerischen Unternehmen neue Marktchancen. Dagmar von Bohnstein, neue Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika, erklärt, worauf Mittelständler beim Markteintritt achten sollten.
Ostafrika gilt als Wachstumsregion, ist aber zugleich heterogen. Wie sollten bayerische Unternehmen die Märkte Kenia, Tansania, Uganda, Ruanda und Äthiopien strategisch einordnen? Ist ein regionaler Ansatz sinnvoll oder empfehlen Sie eine klare Fokussierung auf einzelne Länder?
Kenia dient als regionaler Knotenpunkt und ist für viele der Einstiegspunkt und Hub in Ostafrika. Von dort aus expandieren Unternehmen in benachbarte Märkte, die alle ihre individuellen Besonderheiten haben:
• Tansania und Uganda gelten als infrastruktur- und ressourcenorientierte Wachstumsmärkte.
• Ruanda zeichnet sich aus als reformorientiert, administrativ effizient und sehr innovationsfreundlich.
• Äthiopien wiederum ist ein großer Binnenmarkt, der sich in einer wirtschaftlichen Transformation befindet, wenn auch mit starker staatlicher Beteiligung.
Eine regionale Expansionsstrategie ist oft ratsam, aber jeder Markt sollte individuell bewertet werden. Die regulatorischen Rahmenbedingungen, das politische Umfeld und der Reifegrad der Märkte unterscheiden sich erheblich. Ein strukturierter regionaler Ansatz funktioniert am besten in Kombination mit einer klaren Priorisierung der Länder und einer realistischen langfristigen Strategie.
Partner und Türöffner
Sie haben Kenia als vergleichsweise investorenfreundlichen Standort hervorgehoben. Welche strukturellen Standortvorteile bietet Kenia aus Ihrer Sicht konkret für bayerische KMU – und wo liegen dennoch realistische Herausforderungen?
Kenia .ist einer der attraktivsten Einstiegspunkte in Ostafrika mit hoher Lebensqualität und extrem freundlichen und ambitionierten Menschen. Als Mitglied der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) bietet das Land prinzipiell Zugang zu einem regionalen Markt mit mehr als 300 Millionen Verbrauchern – auch wenn die EAC noch weit davon entfernt ist, einen einheitlichen Binnenmarkt darzustellen vergleichbar unseres EU-Binnenmarkts.
Strukturell profitiert Kenia von einem gut entwickelten Finanzsektor, einem liberalen Investitionsklima und einem englischsprachigen Geschäftsumfeld. Nairobi ist weithin als „Silicon Savannah“ bekannt und hat im Bereich Digitalisierung erstaunliche Vorzeigeprojekte wie zum Beispiel das Zahlungssystem M-Pesa.
Unternehmen sollten sich jedoch auch der Herausforderungen bewusst sein. Dazu gehören regulatorische und bürokratische Komplexität, umständliche Steuer- und Zollverfahren, Währungsschwankungen und zunehmender Wettbewerbsdruck – insbesondere durch asiatische Anbieter. Um in Kenia erfolgreich zu sein, sind Geduld, strategische Planung und idealerweise eine starke lokale Präsenz erforderlich.
Viele mittelständische Unternehmen unterschätzen die Komplexität neuer Märkte. Welche typischen Fehleinschätzungen beobachten Sie bei deutschen Unternehmen beim Einstieg in Ostafrika – und wie können diese vermieden werden?
Was wir feststellen ist, dass viele Afrika als homogenen Markt betrachten. Das ist ganz klar eine Fehleinschätzung. In Wirklichkeit hat jedes Land sein eigenes regulatorisches Umfeld, seine eigene Unternehmenskultur und Wirtschaftsstruktur.
Wir beobachten auch, dass häufig der Zeit- und Finanzaufwand unterschätzt wird. Um erfolgreich zu sein in Afrika braucht es einen langen Atem und starke lokale Partnerschaften. Es lohnt sich, in sie zu investieren.
Gerne unterstützen wir darüber hinaus als AHK bei Markt- und Wettbewerbsanalysen, die unbedingt am Anfang eines unternehmerischen Engagements in Ostafrika stehen sollten. Wir empfehlen, den Fokus nicht auf kurzfristige Exporte zu haben, sondern auf langfristige Marktentwicklung. Es gibt eine Reihe bayerischer Firmen in Ostafrika, deren Erfolg diese Strategie bestätigt.
Welche Branchen bieten besonders starke und nachhaltige Geschäftsmöglichkeiten? Infrastrukturausbau, Energiewende, Agrarwirtschaft und Digitalisierung gelten als Zukunftsfelder in der Region. In welchen Branchen sehen Sie derzeit besonders belastbare und nachhaltige Geschäftschancen für bayerische Unternehmen?
Ostafrika bietet vielversprechende Chancen in mehreren zukunftsorientierten Branchen: Erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Wasser- und Abwassertechnologien, Agrartechnologie und Lebensmittelverarbeitung, Bau- und Infrastrukturtechnologie, Berufsausbildung und Kompetenzentwicklung, Digitale Lösungen, darunter FinTech, GovTech und Industrie 4.0-Anwendungen.
Es besteht eine starke Nachfrage nach hochwertigen, zuverlässigen technologischen Lösungen – insbesondere solchen, die mit deutscher Ingenieurskunst und „Made in Bavaria“-Standards in Verbindung gebracht werden. Dabei ist es natürlich wichtig, Finanzierungslösungen mit anzubieten. Es gibt eine Vielzahl von deutschen Institutionen – KfW, DEG ( Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft), GIZ und den German Desk bei einer kenianischen Bank, die hier unterstützen können.
Als Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Ostafrika verstehen Sie sich als Partner und Türöffner. Wie unterstützt die AHK Eastern Africa bayerische KMU konkret beim Markteintritt – und welchen ersten Schritt empfehlen Sie Unternehmen, die die Region sondieren möchten?
Die Delegation der deutschen Wirtschaft für Ostafrika (AHK Ostafrika) fungiert als strategischer Partner für deutsche KMU, die in die Region expandieren möchten. Wie alle Auslandshandelskammern weltweit bieten wir ein breites Portfolio an Dienstleistungen wie Marktstudien und maßgeschneiderte Beratungsleistungen, Suche nach Geschäftspartnern und B2B-Matchmaking, Delegationsbesuche und Markterschließungsreisen, erste regulatorische und rechtliche Beratung, Zugang zu wichtigen Unternehmens- und Regierungsnetzwerken.
Darüber hinaus kümmern wir uns um bayerische Firmen ganz besonders intensiv. Seit 2024 sind wir nämlich offizielle Vertretung des Freistaats Bayern in Ostafrika.
Als Auftakt empfiehlt sich eine Erstberatung mit uns, um die Ziele des Unternehmens klar zu definieren, sei es Export, Vertriebspartnerschaften, lokale Produktion oder strategische Allianzen. Die Teilnahme an einer Wirtschaftsdelegation oder einer branchenbezogenen Veranstaltung kann ebenfalls wertvolle Marktkenntnisse aus erster Hand und Networking-Möglichkeiten bieten.
Wir stehen immer und gerne bereit, alle aufkommenden Fragen für den Markteintritt in Ostafrika zu beantworten und als verlässlicher Partner den Erfolg des Unternehmens zu begleiten.
In Kooperation mit Enterprise Europe Network
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