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Hongkong als strategischer Standort für bayerische KMU

Seit Dezember 2025 leitet Lea Etsebeth die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Hongkong. Im Interview spricht sie über die Rolle Hongkongs als Wirtschaftsstandort, das Zusammenspiel mit der Greater Bay Area und darüber, wie bayerische KMU den Markteintritt erfolgreich gestalten können.

Sie sind seit dem 1. Dezember 2025 Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Hongkong. Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer neuen Rolle?

In meiner neuen Rolle möchte ich drei Schwerpunkte setzen: Zum einen die gezielte Unterstützung deutscher Unternehmen, vor allem KMU, beim Markteintritt in Hongkong und im Kontext der Greater Bay Area durch praxisnahe Beratung, Netzwerkbildung und Pilotprojekte, die den Zugang erleichtern. Zweitens die Förderung von Zukunftsthemen wie Digitalisierung, FinTech, Nachhaltigkeit und GreenTech, bei denen Hongkong als Innovations- und Finanzstandort besondere Chancen bietet. Und des Weiteren die Stärkung der Sichtbarkeit deutscher Unternehmen vor Ort, etwa durch Delegationsreisen, Messeauftritte, Kooperationsplattformen und gemeinsame Projekte deutscher Institutionen. Damit wollen wir sicherstellen, dass deutsche Unternehmen nicht nur Zugang zum Markt finden, sondern auch langfristig erfolgreich positioniert sind.

Lea Etsebeth, Delegate & Chief Representative, GIC Hong Kong

Hongkongs Rolle für bayerische KMU und die Greater Bay Area

Hongkong befindet sich in einem dynamischen wirtschaftlichen Umfeld. Welche Rolle spielt der Standort heute für bayerische KMU – insbesondere im Zusammenspiel mit der Greater Bay Area?

Hongkong kann für bayerische KMU weit mehr als ein Zugangspunkt zum chinesischen Markt sein. Als eigenständiger, attraktiver Wirtschaftsstandort bietet die Stadt wichtige Wettbewerbsvorteile; eine exzellente Infrastruktur, freien Kapital- und Zahlungsverkehr sowie ein transparentes und niedriges Steuersystem. Daraus ergibt sich ein stabiles und effizientes Geschäftsumfeld.

Diese Einschätzung spiegelt sich auch in unserer jüngsten Unternehmensbefragung vom Sommer 2025 wider: Infrastruktur und Konnektivität wurden von den Mitgliedsunternehmen der mit uns verbundenen German Chamber of Commerce, Hong Kong, mit 4,49 von 5 Punkten bewertet,  das Steuersystem mit 4,43 Punkten. Zudem gaben 92 % der befragten Unternehmen an, keine Verlagerung aus Hongkong zu planen, während rund ein Drittel weitere Investitionen am Standort erwägten. Die Ergebnisse unterstreichen die anhaltende Bedeutung Hongkongs aus Sicht der deutschen Wirtschaft.

Zugleich ist Hongkong ein bedeutender internationaler Handels-, Logistik und Finanzplatz. Die Stadt zählt zu den wichtigsten Einkaufs- und Handelszentren Asiens, beherbergt den größten Frachtflughafen und die viertgrößte Börse weltweit und ist Standort von rund 500 deutschen Unternehmen. Hongkong selbst ist kein Produktionsstandort, sondern ein stark importbasierter Markt mit internationalem Konsumprofil und entsprechendem Potenzial für hochwertige bayerische Produkte.

Dieses Potenzial wird durch die geografische Lage in der Greater Bay Area zusätzlich verstärkt: Dank der engen Verkehrsanbindung sind Millionenmetropolen wie Shenzhen und Guangzhou von Hongkong aus in weniger als einer Stunde erreichbar. Das eröffnet Unternehmen einen Markt mit einer Bevölkerung von rund 90 Millionen und einer Gesamtwirtschaftsleistung von etwa zwei Billionen US-Dollar. Hongkong und Südchina ergänzen sich dabei funktional: Hongkong als Funktions- und Koordinationsstandort, Südchina als Wachstums- und Skalierungsraum.

Welche Branchen und Themenfelder bieten aus Ihrer Sicht aktuell besonders attraktive Chancen für bayerische Unternehmen in Hongkong und Südchina?

Hongkong eignet sich sowohl als eigenständiger Absatzmarkt, insbesondere für Luxuskonsumgüter und hochwertige Lebensmittel, als auch als vergleichsweise risikoarmer Einstiegspunkt in den chinesischen Markt. Die Bevölkerung ist mehrheitlich chinesisch, zugleich aber an internationale, insbesondere westliche Produkte gewöhnt. Für bayerische KMU entsteht damit ein Marktumfeld, in dem sich Produkte und Geschäftsmodelle unter China-nahen Bedingungen, aber mit internationalen Standards testen lassen.

Über den Konsumgüterbereich hinaus ergeben sich Chancen für bayerische Unternehmen insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, in der Automatisierung sowie in industriellen Speziallösungen. Ergänzend bieten auch Medizintechnik und Healthcare-Lösungen, die Bauwirtschaft inklusive Bauhandwerk und Baustoffe sowie die Bereiche Energie, Energieeffizienz und Gebäudetechnik attraktive Ansatzpunkte. Diese Chancen liegen vor allem in Südchina und in der GBA, wo weiterhin Bedarf an technologischer Modernisierung, nachhaltiger Infrastruktur und hochwertigen, spezialisierten Lösungen besteht.

Seit mehreren Jahren organisieren wir zudem im Rahmen der jährlichen Hong Kong FinTech Week einen German Pavilion sowie eine deutsche Start-up-Delegation, um deutschen Innovationen Sichtbarkeit in Hongkong zu verschaffen. Rückmeldungen aus den vergangenen Delegationen zeigen, dass insbesondere die Bereiche Web3 und digitale Finanzanwendungen als interessant wahrgenommen werden. Für bayerische Unternehmen bietet dies eine geeignete Plattform, um erste Kontakte zu asiatischen und lokalen Akteuren im FinTech-Umfeld zu knüpfen und das Marktumfeld besser kennenzulernen.

Viele KMU fragen sich, wie planbar und verlässlich der Standort Hongkong derzeit ist. Wie schätzen Sie die aktuellen wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen ein?

Trotz der politischen Veränderungen seit 2019 bleibt Hongkong ein strategisch relevanter Standort für deutsche Unternehmen mit China- und Asiengeschäft. Die Sonderverwaltungsregion erfüllt weiterhin eine zentrale Funktion als internationaler Finanzplatz, Logistikdrehscheibe und Koordinationsstandort zwischen dem chinesischen Festland und globalen Märkten.Es gelten ein eigenständiges Handels- und Wirtschaftsrecht auf Basis des Common Law, freier Kapital- und Zahlungsverkehr sowie international anerkannte Standards im Vertrags- und Urheberrecht. Für ausländische Unternehmen bietet Hongkong dadurch weiterhin ein hohes Maß an Planbarkeit und Verlässlichkeit. Die Rolle Hongkongs hat sich über die Jahre zwar gewandelt, strategisch relevant bleibt sie jedoch weiterhin, auch für bayerische KMU.
 

Welche typischen Herausforderungen begegnen deutschen Unternehmen beim Markteintritt, und wie unterstützt die AHK Hong Kong konkret bei der Orientierung und Umsetzung vor Ort?

Eine zentrale Herausforderung für deutsche Unternehmen beim Markteintritt in Hongkong können die hohen Büro- und Standortkosten darstellen. Um den Einstieg kalkulierbar zu gestalten, unterstützt die Delegation der Deutschen Wirtschaft Unternehmen mit flexiblen „Office-in-Office“-Lösungen sowie bei der Firmengründung, sodass eine lokale Präsenz mit überschaubarem Aufwand möglich ist.
Eine weitere Herausforderung ist der Zugang zu Markt und Kunden. Es kann schwierig sein, relevante Entscheidungsträger zu identifizieren, Vertrauen aufzubauen und sich ohne bestehende Netzwerke sichtbar zu positionieren. Ausländische Unternehmen sind häufig nicht ausreichend mit lokalen Markt- und Geschäftspraktiken vertraut.Wir unterstützen Unternehmen gezielt durch Geschäftspartner- und Unternehmenssuchen, B2B-Matchmaking, Netzwerkveranstaltungen und Informationsseminare. Ergänzend begleiten wir Unternehmen bei Delegationsreisen sowie bei praktischen und administrativen Schritten im Rahmen der Firmengründung. Da beispielsweise die Kontoeröffnung in Hongkong zunehmend komplizierter geworden ist, unterstützen wir Unternehmen bei der Vorbereitung der erforderlichen Unterlagen sowie bei der Anbahnung von Bankgesprächen.

Darüber hinaus entwickeln wir maßgeschneiderte Markteintrittslösungen. Ein Beispiel ist das Projekt „Bavarian Shop“, das wir gemeinsam mit alp Bayern umgesetzt haben. Über eine etablierte E-Commerce-Plattform konnten bayerische Lebensmittelunternehmen ihre Produkte in Hongkong platzieren, ohne hohe Vorabinvestitionen oder eigene Strukturen vor Ort aufbauen zu müssen. Solche Pilotprojekte ermöglichen es KMUs, Marktakzeptanz, Nachfrage und Preisniveau praxisnah zu testen.

Der erste Schritt in den Markt Hongkong

Welchen ersten Schritt empfehlen Sie bayerischen Unternehmen, die den Markt Hongkong erschließen möchten – und wie können sie am besten mit der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Kontakt treten?

Wir empfehlen bayerischen Unternehmen, den Markteintritt mit einer realistischen und strukturierten Markteinschätzung zu beginnen. Dabei sollte zunächst geklärt werden, welche Rolle Hongkong im eigenen Asien- oder China-Setup spielen kann, etwa als Absatzmarkt, Testmarkt, Koordinationsstandort oder auch als Wissensstandort, beispielsweise im Rahmen eines Konferenzbesuchs oder der Teilnahme an einer Delegation.

Bayerische Unternehmen können uns gerne jederzeit kontaktieren, um die Ausgangssituation und sinnvolle nächste Schritte zu identifizieren, von ersten Marktinformationen über geeignete Markteintrittsformate bis hin zu konkreten Umsetzungsoptionen. Darüber hinaus ist das AHK-Netzwerk auch auf dem chinesischen Festland und in Südostasien breit aufgestellt, sodass wir Unternehmen bei Bedarf auch
grenzüberschreitend, gemeinsam mit unseren dortigen KollegInnen, bei ihren Expansionsvorhaben begleiten können.

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