„Diese Chancen sollten wir nutzen“
Argentinien befindet sich im wirtschaftlichen Wandel und rückt zunehmend in den Fokus deutscher und bayerischer Unternehmen. Im Interview spricht Aleksandar Medjedovic, seit Mai 2026 Geschäftsführer der AHK Argentinien, über neue Geschäftschancen, besonders aussichtsreiche Branchen und die Unterstützung der AHK beim Markteinstieg.
Sie haben im Mai 2026 die Geschäftsführung der AHK Argentinien übernommen. Welche Eindrücke haben Sie in Ihren ersten Monaten gewonnen und welche Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer neuen Position setzen?
Ich beobachte den argentinischen Markt schon seit einigen Jahren „aus der Ferne“ und hatte dabei bereits den Eindruck eines großen und dynamischen Wirtschaftsraums. Wenn man jedoch mittendrin ist, übertrifft die Realität alle Erwartungen: Argentinien ist eine riesige Volkswirtschaft, ein bedeutender Absatzmarkt und Heimat zahlreicher Industriezweige, deren Bedeutung in Europa bislang nur wenig bekannt ist.
Genau hier wird einer meiner Schwerpunkte liegen: deutschen Unternehmerinnen und Unternehmern die argentinische Wirtschaft in all ihren Facetten näherzubringen. Einen weiteren Schwerpunkt sehe ich im Ausbau der bereits bestehenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Argentinien. Diese habe ich vom ersten Moment an als außerordentlich gut wahrgenommen. Das spürt man bei jedem Zusammentreffen mit Wirtschaftsvertreterinnen und Wirtschaftsvertretern beider Länder.
Insbesondere das neue Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten eröffnet zusätzliche Möglichkeiten. Hinzu kommt das sich rasant verändernde Investitionsklima. Die argentinische Regierung unternimmt derzeit große Anstrengungen, um neue ausländische Investoren zu gewinnen. Diese Chancen sollten wir nutzen.
Wie schätzen Sie die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens aus Sicht deutscher und bayerischer Unternehmen ein? Wo liegen derzeit die größten Chancen, wo bestehen besondere Herausforderungen?
Seit dem Amtsantritt der Regierung von Staatspräsident Javier Milei Ende 2023 wurden zahlreiche Reformvorhaben auf den Weg gebracht und umgesetzt. Erste positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung sind bereits spürbar. Vieles muss jedoch noch weiter und konsequenter vorangebracht werden.
Deutsche Unternehmen haben die argentinische Wirtschaft schon lange im Blick und beobachten die Reformen sehr genau. Auch wenn der Markt weit von Deutschland entfernt ist, richten sich derzeit viele Augen auf Argentinien. Deutsche Unternehmen informieren sich intensiv vor Ort. Es finden zahlreiche Besuche und Gespräche statt, die wir als AHK nach Möglichkeit begleiten – sei es im Rahmen von Delegationsreisen oder durch Informationsveranstaltungen.
Die größte Chance liegt momentan darin, die eigenen Geschäftsaktivitäten auf dem argentinischen Markt grundlegend neu auszurichten – unabhängig davon, ob ein Unternehmen bereits über langjährige Markterfahrung verfügt oder neu in das Argentiniengeschäft einsteigt.
Welche Branchen und Geschäftsfelder bieten aus Ihrer Sicht aktuell besonders interessante Möglichkeiten für bayerische Unternehmen – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen?
Argentinien ist ein rohstoffreiches Land, dessen Bergbauindustrie sich noch in einer vergleichsweise frühen Entwicklungsphase befindet. Investitionen sind insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, Fördertechnologie, Sicherheit für Mensch und Umwelt sowie in den Prozessen zur Weiterverarbeitung der Rohstoffe notwendig. Hier liegt derzeit das größte Potenzial für eine Zusammenarbeit. Unternehmen, die über Erfahrungen in diesen Bereichen verfügen, sind als Partner sehr gefragt.
Mein Herz schlägt besonders für den Mittelstand. Hier sehe ich ein enormes Potenzial für alle Unternehmen, die Lieferketten innovativ und effizient bedienen können. Das gilt insbesondere für die produzierenden Industrien in Argentinien. Hervorzuheben sind die Automobil- und Mobilitätsindustrie, aber auch die Elektronikbranche, die Agroindustrie sowie zahlreiche weitere Hersteller von Konsum- und Industriegütern.
Diese Unternehmen sind derzeit vor allem auf heimische Zulieferer und gegebenenfalls auf Lieferanten aus den Nachbarländern angewiesen. Deutsche Anbieter von Teilen, Komponenten und Anlagen können dazu beitragen, die Lieferketten in Argentinien zu diversifizieren und zukunftssicher aufzustellen.
Bayerische Unternehmen verfügen in diesem Bereich über besonders wertvolle Erfahrungen und sind bereits weltweit als Lieferanten aktiv. Gerade für technologie- und innovationsorientierte Industrien sind bayerische Qualität und bayerisches Know-how auf hohem Niveau ausgesprochen interessant. Den Aufbau solcher bayerisch-argentinischen Geschäftsbeziehungen werden wir vor Ort nach Kräften unterstützen.
Welche Bedeutung hat die weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten für Argentinien? Welche konkreten Verbesserungen könnten sich daraus für Unternehmen ergeben?
Die weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen hat eine sehr große Bedeutung. In den vergangenen zwei Jahren haben sich zahlreiche Staaten darum bemüht, engere und umfassendere Wirtschaftsbeziehungen mit Argentinien aufzubauen. Dazu zählen neben den USA vor allem China, Südkorea und weitere asiatische Staaten. Auch wichtige lateinamerikanische Akteure wie Mexiko, Kolumbien und die anderen Mercosur-Nachbarstaaten sind hier traditionell stark vertreten.
Argentinien betrachtet die EU-Staaten jedoch als besonders kompatible und geeignete Geschäftspartner. Das liegt zum einen an den engen Verbindungen, die das Land seit Jahrhunderten mit Europa pflegt. Viele Argentinierinnen und Argentinier fühlen sich aufgrund ihrer familiären Wurzeln auch Europa verbunden. Zum anderen besteht eine große Offenheit gegenüber sämtlichen EU-Staaten – insbesondere gegenüber denjenigen, die wirtschaftlich bislang noch nicht so stark in Erscheinung getreten sind.
Argentinische Unternehmen sind anpassungsfähig und möchten gern noch stärker an der europäischen Wirtschaft teilhaben. Daraus ergeben sich vielfältige Möglichkeiten für Unternehmen und Geschäftsmodelle unterschiedlichster Art. Das EU-Mercosur-Abkommen wird im Handel erhebliche Erleichterungen und Verbesserungen mit sich bringen. Ein zunehmender Handel dürfte zudem weitere Investoren nach Argentinien ziehen.
Was sollten bayerische Unternehmen beachten, wenn sie einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Aktivitäten in Argentinien planen, und wie kann die AHK Argentinien sie dabei unterstützen?
Wir empfehlen allen interessierten Unternehmen, sich frühzeitig, gründlich und umfassend zu informieren. Für Argentinien ist besondere Aufmerksamkeit geboten, da sich regulatorische Vorgaben und wirtschaftliche Rahmenbedingungen mitunter schnell verändern können.
Am besten verschaffen sich Unternehmen direkt vor Ort ein Bild. Ob durch den Besuch einer Fachmesse, Gespräche mit bestehenden Geschäftspartnern im Land oder eine Markteintrittsreise für Neulinge im Argentiniengeschäft: Nichts ersetzt den persönlichen Kontakt vor Ort.
Als AHK Argentinien bieten wir eine Reihe unterstützender Dienstleistungen und Programme an, um Unternehmen die ersten Schritte in Argentinien zu erleichtern. Sprechen Sie uns einfach an – wir schauen uns gemeinsam an, welche Wege in den argentinischen Markt für Ihr Unternehmen infrage kommen.
In Kooperation mit Enterprise Europe Network
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