Freihandelsabkommen schaffen Planungs- und Rechtssicherheit
Brüssel (Februar 2026) - Für das Exportland Deutschland gewinnen Handelsabkommen zunhemend an strategischer Bedeutung. Besonders im Fokus: das geplante Abkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten sowie Indien. Welche Chancen bieten diese Abkommen für die deutsche Wirtschaft? Wo liegen politische und regulatorische Hürden? Und wie lassen sich Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeitsanforderungen und geopolitische Interessen miteinander in Einklang bringen? Über diese Fragen sprach Karoline Rübsam vom Außenwirtschaftsportal mit Klemens Kober, Referatsleiter Handelspolitik, transatlantische Beziehungen und EU-Zollfragen beim DIHK in Brüssel.Herr Kober, wie würden Sie den aktuellen Stand der Ratifizierungsprozesse für das EU–Mercosur-Abkommen bewerten und welche kommenden Hürden sehen Sie derzeit auf deutscher und europäischer Ebene?
Das Abkommen ist politisch vereinbart, rechtlich aber noch im Ratifizierungsprozess. Der Handelsteil fällt in die ausschließliche Zuständigkeit der Europäischen Union und kann als Interims-Handelsabkommen nach Zustimmung von Rat und Parlament angewendet werden.
Nach der Ratszustimmung und Unterzeichnung im Januar 2026 hat das Europäische Parlament den Europäischen Gerichtshof angerufen. Die Prüfung der Vereinbarkeit mit den EU-Verträgen wird voraussichtlich bis zu zwei Jahre dauern. Erst danach kann das Parlament endgültig abstimmen.
Parallel dazu machen die Mercosur-Staaten Tempo: Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay wollen ihre Ratifizierung bis spätestens Sommer 2026 abschließen. Die EU-Kommission prüft deshalb, ob eine vorläufige Anwendung möglich ist. Für Unternehmen – auch in Bayern – wäre das ein entscheidender Schritt, weil das Abkommen dann praktisch nutzbar würde.
Welche wirtschaftlichen Chancen ergeben sich konkret für bayerische Unternehmen aus dem geplanten EU–Mercosur-Freihandelsabkommen?
Das EU-Mercosur-Abkommen ist aus Sicht des Großteils der deutschen Unternehmen ausgewogen, modern und strategisch sinnvoll. Es öffnet den Zugang zu einem Markt mit 270 Millionen Menschen – der sechstgrößten Volkswirtschaft außerhalb der EU.
Heute sind die Hürden hoch: Zölle von 35 Prozent auf Autos, Textilien oder Schuhen, bis zu 20 Prozent auf Maschinen und zweistellige Sätze auf Chemikalien, Pharma und Autoteile. Rund 85 Prozent der EU-Exporte sind derzeit verzollt.
Das Abkommen ändert das grundlegend. Innerhalb von zehn Jahren werden rund 90 Prozent der Zölle abgeschafft. Das spart der europäischen Wirtschaft rund vier Milliarden Euro jährlich. Hinzu kommen der Abbau von nicht-tarifären Hemmnissen, bessere Regeln für Dienstleistungen und Investitionen sowie erstmals ein verbesserter Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen.
Nicht zuletzt stärkt das Abkommen die Versorgungssicherheit – etwa bei Rohstoffen – und hilft, Lieferketten breiter und resilienter aufzustellen.
Kritiker monieren immer wieder fehlende Garantien für Umwelt- und Sozialstandards, insbesondere im Mercosur-Kontext. Ist das nachvollziehbar bzw. inwiefern sind diese Themen für den DIHK ein Bestandteil der Auseinandersetzung.
Jedes Erzeugnis, das nach Europa gelangt, muss den strengen Lebensmittelsicherheitsstandards der EU entsprechen. Das Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur ändert daran nichts. In dem Abkommen wird auch das Vorsorgeprinzip bekräftigt. Weder hormonbehandeltes Rindfleisch noch nicht zugelassene gentechnisch veränderte Produkte werden durch das Abkommen zum EU-Markt zugelassen. Das Abkommen beinhaltet ein spezielles Kapitel über Handel und nachhaltige Entwicklung. Darin einigen sich beide Seiten darauf, ihre Handelsbeziehungen in einer Weise fortzuführen, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt und auf ihren multilateralen Verpflichtungen in den Bereichen Arbeit und Umwelt aufbaut. In der EU ist der Verkauf von illegal geschlagenem Holz verboten.
Die EU und die Mercosur-Staaten verpflichten sich, das Pariser Klimaschutzübereinkommen wirksam umzusetzen. Das Übereinkommen von Paris umfasst beispielsweise die Zusage, die illegale Abholzung des brasilianischen Amazonasgebiets zu stoppen und bis 2030 eine Fläche von 12 Mio. Hektar wiederaufzuforsten. Das Abkommen beinhaltet zudem die Verpflichtung, Handel nicht auf Kosten der Sozial- und Arbeitnehmerrechte zu fördern. Beide Seiten verpflichten sich schließlich, die Regeln der Internationalen Arbeiterorganisation in Bezug auf Zwangs- und Kinderarbeit, Nichtdiskriminierung am Arbeitsplatz, Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen zu beachten.
Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Indien – wo liegen aus handelspolitischer Sicht die größten Hemmnisse für ein umfassendes Abkommen und welche Chancen sehen Sie für die Export- und Investitionsbeziehungen zwischen der EU und Indien?
Indien ist ein Markt mit enormem Potenzial, aber auch mit erheblichen Barrieren. Die Europäische Union listet derzeit mehr als 30 offizielle Handelshemmnisse. Für deutsche Unternehmen besonders problematisch sind hohe Zölle, Lokalisierungsvorgaben, restriktive Importregelungen und abgeschottete Dienstleistungs- und Beschaffungsmärkte.
Der Durchbruch der Verhandlungen im Januar 2026 ist deshalb ein wichtiger Schritt – auch wenn das Ergebnis hinter den Erwartungen zurückbleibt. Öffentliche Beschaffung bleibt geschlossen, ein Investitionskapitel fehlt, und bürokratische Ursprungsregeln schmälern den Marktzugang.
Trotzdem ist das Abkommen von großer wirtschaftlicher und geoökonomischer Bedeutung. Zölle auf fast 97 Prozent der EU-Exporte sollen gesenkt oder abgeschafft werden. Insgesamt werden durch die Zollsenkungen jährlich rund 4 Milliarden Euro an Zöllen auf europäische Produkte eingespart. Die Einsparungen belaufen sich auf rund vier Milliarden Euro. Besonders relevant sind die Zollsenkungen in Schlüsselindustrien - etwa bei Autos, Maschinen, Chemikalien und Pharmazeutika. Indien gewährt der EU hier Zugeständnisse, die kein anderer Handelspartner erhält.
Die deutsche Wirtschaft hofft nun, dass Indien im Zuge der Finalisierung weitere Öffnungsschritte geht – etwa im Rahmen seiner angekündigten Zollreformen.
Und nun zu Bayern: Welche strategische Bedeutung messen Sie den Abkommen EU–Mercosur und EU–Indien speziell für den Wirtschaftsstandort Bayern bei – und wie können speziell bayerische Unternehmen sich am besten auf dieses Freihandelsabkommen einstellen?
In einer Phase zunehmender geoökonomischer Spannungen gewinnen verlässliche Handelsabkommen massiv an Bedeutung. Sie schaffen Planungs- und Rechtssicherheit, diversifizieren Lieferketten und sichern den Zugang zu Märkten und Rohstoffen - gerode vor dem Hintergrund einer geschwächten Welthandelsorganisation.
Für Unternehmen in Bayern sind beide Abkommen strategisch relevant. Sie verhindern willkürliche Zolländerungen, verankern regulatorische Zusammenarbeit und reduzieren das Risiko neuer Handelshemmnisse.
Unternehmen sollten sich jetzt vorbereiten - insbesondere in den Branchen Automobil, Maschinenbau und Chemie. Wer die zollrechtlichen Details frühzeitig kennt, kann die Vorteile vom ersten Tag an nutzen. Die Industrie- und Handelskammern vor Ort unterstützen dabei mit Information und Beratung.
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