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Westbalkan als eigenständiger Zukunftsmarkt

Annabell Marie Kreuzer ist Senior-Beraterin beim Partners in Transformation Desk Westbalkan bei der Agentur für Wirtschaft und Entwicklung/GIZ unterstützt Unternehmen im gesamten Raum von Albanien, Kosovo bis hin zu Nordmazedonien zu Kooperationsmöglichkeiten der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Auch beim diesjährigen Ost-West-Forum BAYERN am 5.10.2026 in Regensburg ist sie mit dabei.

Der Westbalkan gilt für viele deutsche Unternehmen als Wachstumsregion. Welche Marktchancen sehen Sie derzeit insbesondere für bayerische Unternehmen, und welche Branchen bieten das größte Potenzial?

Der Westbalkan ist längst mehr als ein „verlängerter Arm“ der europäischen Produktion – er entwickelt sich zu einem eigenständigen Zukunftsmarkt. Die Region ist wirtschaftlich eng mit der EU verflochten und hat einen hohen Bedarf an Modernisierung und Investitionen – das bietet für bayerische Unternehmen attraktive Chancen! Auf demdiesjährigen   Ost-West-Forum BAYERN kann man sich genau darüber informieren.

Besonders interessant sind Maschinen- und Anlagenbau, Automotive und Elektromobilität, weil hier qualifizierte Zulieferer vorhanden sind. Gleichzeitig besteht ein erheblicher Investitionsbedarf bei Energie, erneuerbaren Energien, Abwasserbehandlung und Kreislaufwirtschaft – Felder, in denen bayerische Unternehmen technologisch sehr gut aufgestellt sind. Für Bayern als starken Industriestandort gewinnen zudem Digitalisierung, IT-Dienstleistungen, KI und Business Process Outsourcing (BPO) stark an Bedeutung. 

Ein weiterer Vorteil ist die geografische Nähe: Von Bayern aus lassen sich viele Märkte des Westbalkans in kurzer Zeit erreichen, was gerade für mittelständische Unternehmen interessant ist. Der Westbalkan ist zugleich Absatzmarkt, Beschaffungsstandort und Teil einer diversifizierten europäischen Lieferkette. 

Sie arbeiten als Senior-Beraterin im Partners in Transformation Desk Westbalkan. Welche Aufgaben übernimmt der der Desk konkret, und wie unterstützt er Unternehmen beim Markteintritt oder bei der Geschäftsentwicklung in der Region? 

Der Partners in Transformation Desk ist eine Brücke zwischen deutschen Unternehmen, lokalen Partnern und der Entwicklungszusammenarbeit. Wir beraten Unternehmen kostenlos zu staatlichen Unterstützungsangeboten für Investitionen, Ausbildung oder nachhaltige Technologien. Wir helfen die richtigen Ansprechpartner vor Ort zu finden und konkrete, nachhaltige Geschäftsideen zu entwickeln. 

Gerade für mittelständische Unternehmen ist es wichtig, einen verlässlichen Ansprechpartner zu haben, der die lokalen Gegebenheiten kennt und bei den ersten Schritten unterstützen kann. Unsere regionale Präsenz in Tirana und Belgrad ermöglicht es uns, lokale Ansprechpartner zu kennen und Unternehmen den Einstieg in den Westbalkan zu erleichtern.

Viele Unternehmen interessieren sich für den Westbalkan, kennen die Region aber noch wenig. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in der Beratung am häufigsten – und wie können Unternehmen diese erfolgreich meistern?

Eine der größten Herausforderungen ist, dass der Westbalkan kein einheitlicher Markt ist: Jedes der sechs Länder hat eigene Regeln, Ansprechpartner und wirtschaftliche Besonderheiten. Dazu kommen teilweise wenig transparente Verwaltungsabläufe, die Unternehmen vor Ort vor Herausforderungen stellen können. Wichtig für Unternehmen ist, verlässliche lokale Partner zu finden und ausreichend Zeit für rechtlichen Fragen, Genehmigungen oder bei der Suche nach geeigneten Fachkräften einzuplanen. Hier kann lokale Unterstützung sehr hilfreich sein. Unser Rat lautet daher: gut vorbereiten, vor Ort präsent sein, mit den richtigen Partnern arbeiten und langfristig denken.

Welche wirtschaftlichen Entwicklungen sollten Unternehmen in den kommenden Jahren besonders im Blick behalten? 

In den kommenden drei bis fünf Jahren sollten deutsche Unternehmen vor allem den EU-Beitritt und die weitere Annäherung der Westbalkanländer an die EU im Blick behalten. Damit werden sich Regeln, Standards und Geschäftsbedingungen Schritt für Schritt stärker an den EU-Markt angleichen – und das kann neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen. Gleichzeitig wird viel in Energie, Verkehr, Digitalisierung und industrielle Modernisierung investiert. Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus Chancen bei Maschinen, Anlagen, Umwelttechnik und IT. Auch der Fachkräftemangel wird ein wichtiges Thema bleiben – und damit die Frage, wie Unternehmen vor Ort Fachkräfte ausbilden und langfristig binden können. Wer diese Entwicklungen früh beobachtet und Beziehungen vor Ort aufbaut, kann sich gute Ausgangspositionen für die kommenden Jahre sichern.

Beim Ost-West-Forum Bayern in Regensburg sprechen Sie über Erfolgsmodelle zur Fachkräftegewinnung in Albanien. Welche Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit lassen sich auch auf andere Länder des Westbalkans übertragen?

Besonders in Albanien bildet der Dienstleistungssektor – und hier vor allem die Digitalbranche – einen wichtigen Pfeiler der lokalen Wirtschaft. Deutsche Unternehmen wie die Lufthansa Industry Solutions beschäftigen in Tirana mehrere Hundert junge IT-Expertinnen und -experten, die unmittelbar für den deutschen Markt arbeiten. Und auch albanische IT-Unternehmen arbeiten bereits für deutsche Kunden wie die Deutsche Telekom oder Euronics. Nichtsdestotrotz ist vielen lokalen Unternehmen noch nicht bewusst, wie sie deutsche Kunden gewinnen und erfolgreich mit diesen zusammenarbeiten können. Hier setzt die GIZ an: über gezielte Trainingsprogramme für albanische Unternehmen und Matching-Formate mit deutschen und internationalen Kunden, sowie Ausbildungsprogramme für ITler mit Fokus auf konkrete Kundenbedarfe.

Diese Erkenntnisse lassen sich auch auf die anderen Westbalkan-Länder übertragen: junge Menschen mit oft exzellenten Deutschkenntnissen, technischen Fähigkeiten und teilweise sogar europäischen Universitätsabschlüssen strömen auf den Arbeitsmarkt, doch die Verbindung zum deutschen Markt fehlt oft noch. Jedes Land bringt seine eigenen Vorteile mit sich: in Kosovo sind aufgrund einer großen Diaspora exzellente deutsche Sprachkenntnisse vorhanden, während in Serbien das Level an IT-Kenntnissen kaum unter deutschem Standard liegt. Daher skalierte die GIZ das Trainingsprogramm auf den gesamten Westbalkan, um lokale IT-Unternehmen mit deutschen Partnern zu vernetzten. Aber auch andere Sektoren können durch Nearshoring von Fachkräften auf dem Westbalkan abgedeckt werden, wie z.B. die Reinigung von OP-Werkzeugen für deutsche Krankenhäuser aus Serbien heraus. Sprechen Sie mich auf dem Ost-West-Forum BAYERN an, sollten Sie konkrete Ideen oder Nachfragen haben!

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