Wie ist aktuell die Stimmung im Land und speziell bei den international tätigen Unternehmen?
Es gibt Licht und Schatten aus meiner Sicht. Das größte Problem für die Argentinier war lange Zeit eine exorbitante Inflation, mit der man nicht vernünftig wirtschaften konnte. Die Inflation liegt aktuell bei 2 bis 3 Prozent pro Monat. Das klingt für Deutschland immer noch sehr hoch, ist aber für Argentinien ein Riesenfortschritt.
Der öffentliche Sektor wurde stark umgebaut. Es gibt nur noch 9 Bundesministerien, vorher waren es 22. Gleichzeitig wurden öffentliche Infrastrukturprogramme zurückgefahren. Die öffentlichen Finanzen haben sich so stabilisiert. In Buenos Aires hat man in den vergangenen Jahren viel in die Infrastruktur investiert. Im Landesinneren und insbesondere bei neuen Wirtschaftsprojekten müssen notwendige Investitionen jedoch zunehmend vom privaten Sektor getragen werden.
Im Rahmen der jährlichen Umfrage, die die AHK Argentinien gemeinsam mit EY Argentinien durchführt, gaben mehr als 70 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie eine positive Entwicklung ihrer Erträge erwarten. 96 Prozent der Unternehmen blicken optimistisch in die Zukunft, was ihre Rentabilität angeht.
Welche Branchen bieten aktuell besonders gute Chancen?
Die größten Sektoren mit Wachstumspotenzial für die kommenden Monate sind Energie und Bergbau. Das Investitionsprogramm RIGI bietet steuerliche und zollrechtliche Anreize und garantiert einen stabilen rechtlichen Rahmen für einen Zeitraum von 30 Jahren. Auf für Zulieferer ergeben sich hieraus gute Geschäftschancen, zumal Infrastrukturprojekte wie neue Eisenbahnstrecken, die mit diesen Sektoren zusammenhängen, explizit vom generellen Sparkurs der argentinischen Regierung ausgenommen sind. Geografisch profitieren die Andenprovinzen Jujuy und Cajamarca als Zentren der Lithiumgewinnung. Ebenfalls in den Andenregionen sind große neue Projekte im Kupferbergbau geplant und in Patagonien locken riesige Öl- und Gasvorkommen.
Früher war der Zahlungsverkehr im Handel mit Argentinien sehr herausfordernd. Importe konnten z.B. meist nur in Raten bezahlt werden und Anzahlungen im Vorfeld einer Lieferung waren nicht möglich. Wie sieht es heute aus?
Das System der Importgenehmigungen wurde abgeschafft und die Zahlungen für Importe müssen auch nicht mehr in Raten getätigt werden. Das ist eine große Erleichterung für deutsche und argentinische Unternehmen. Vorkasse ist allerdings weiterhin nicht möglich.
Der Agrarsektor, die Rohstoffe und die Energie boomen aktuell in Argentinien. Wie geht es der argentinischen Industrie?
Die argentinische Industrie befindet sich aktuell in einer Transformationsphase. Die Unternehmen kommen aus einer geschlossenen Wirtschaft, in der Importe beschränkt waren. Nun müssen die Unternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen und das ist in manchen Branchen sehr schwierig.
Wie blicken die Deutschen Unternehmen in Argentinien auf der EU-Mercosur-Abkommen?
Die Unternehmen haben lange auf das Abkommen gewartet und erwarten positive Effekte durch das Inkrafttreten. Die argentinische Industrie muss im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung die Produktion modernisieren und deutsche Technologie ist hier gefragt. Kurzfristig profitieren die Unternehmen vor allem durch die stufenweise Senkung der Zölle, die am 1. Mai beginnt. Mittelfristig erleichtert das Abkommen insgesamt die Kooperationen zwischen Deutschland und Argentinien.
Argentinien hat nun das lange verhandelte Abkommen mit der EU, aber fast zeitgleich wurde ein neues Handelsabkommen mit den USA unterzeichnet. Ist schon absehbar, ob europäische Unternehmen im argentinischen Markt in einen noch stärkeren Wettbewerb mit US-Firmen geraten?
Das kann man aus meiner Sicht aktuell noch nicht bewerten. Viel hängt davon ab, wie schnell jetzt die Umsetzung des Abkommens mit den USA tatsächlich kommt. Probleme kann es eventuell bei den durch das Mercosur-Abkommen geschützten Ursprungsbezeichnungen geben. Die helfen wenig, wenn z.B. der Parmesan dann aus den USA nach Argentinien geliefert wird.
Das Gespräch führte Monika Goldbach Ende März 2026