Der wichtige US-Markt macht aktuell weiter Schlagzeilen. Seit mehr als einem Jahr müssen Unternehmen beiderseits des Atlantiks mit diesen Unsicherheiten arbeiten, trotzdem neue Verträge abschließen und Beziehungen zu Kunden ausbauen und halten.
Den deutschen Blick auf diese Dauer-Challenge kennen wir gut, aber wie gehen Firmen in den USA mit dieser Situation um und wo bieten sich neue Chancen für eine deutsch-amerikanische Kooperationen? Um das herauszufinden haben wir uns mit einer Unternehmergruppe auf den Weg in den Südosten der USA gemacht.
Die Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in Atlanta hat uns ein eng getaktetes, spannendes Programm organisiert. Beim Welcome Briefing in der AHK mit Matthias Hoffmann, der deutschen Generalkonsulin in Atlanta Melanie Moltmann wurde schon deutlich, wie dynamisch sich aktuell der Südosten der USA und insbesondere der Großraum Atlanta entwickelt.
Im Anschluss hatten wir einen spannenden Austausch mit Dr. Greg King und Merry Hunter vom Georgia Institute of Technology. AI ist in allen Studiengängen und Forschungsprojekten integriert und viele Unternehmen nutzen die Expertise von Georgia Tech, um spezifische Produkte und Verfahren zu entwickeln. Insbesondere beim Thema Fintech sahen die Teilnehmer großes Potenzial für eine engere Zusammenarbeit zwischen Atlanta und Frankfurt. Auf dem Coda Rooftop erhielten wir einen Eindruck von Dimensionen des Campus.
Danach ging es zu Norfolk Southern, einer Eisenbahngesellschaft, die ein riesiges Frachtnetzwerk im Osten der USA betreibt. Beth Flournoy ist als Director of Industrial Development Ansprechpartner für Unternehmen, die an die bestehenden großen Hauptrouten neu angeschlossen werden wollen. Eindrucksvoll wie viele Güter in den USA vergleichsweise kostengünstig und nachhaltig auf der Schiene transportiert werden!
Am zweiten Tag besuchte die Gruppe ein Heraeus Werk in Buford nordwestlich von Atlanta. Der Werksleiter Vitor Oliveira und sein Team nahmen sich viel Zeit für die Präsentation und Führung durch das Werk, in dem hochreine Quarzglasrohre, Stäbe und Zylinder produziert werden. Am Nachmittag stand ein weiteres deutsches Unternehmen auf dem Programm. Markus Rimmele und Norbert Neumann von IMS Gear gaben uns nicht nur einen wertvollen Einblick in ihr Unternehmen, sondern auch in das immense Potenzial, dass sie für ihr Unternehmen im US-Markt sehen und wie sie dieses in den kommenden Jahren nutzen wollen. Zölle sind hier ein Thema aber kein Hindernis, die Produkte von Heraeus sind einfach sehr gefragt und fast konkurrenzlos.
Am Abend richtete die FrankfurtRheinMain GmbH einen Abendempfang mit Podiumsdiskussion aus, bei der sich aus der Unternehmergruppe Claudia Böhnert aktiv beteiligte und alle nochmal dafür sensibilisierte, wie wichtig es ist, die Geschäftsstrategie und die Marketingmaßnahmen auf die spezifischen Kundenbedürfnisse im deutschen bzw. im US-amerikanischen Markt auszurichten. Eric Menges betonte bei seiner Präsentation des Standortes FrankfurtRheinMain, wieviel die beiden Standorte verbindet. Drehkreuzfunktion, starke Industrieunternehmen & Internationalität nur als exemplarische Stichpunkte.
Am Mittwoch macht sich die Gruppe auf in die Queen City Charlotte, benannt nach Charlotte von Meckenburg-Strelitz, der deutschen Gemahlin von des englischen Königs Georg III. Charlotte gehört zu den wichtigsten Finanzzentren und ist auch bei ausländischen und insbesondere deutschen Unternehmen als Standort sehr beliebt.
Auf dem Weg dorthin gab ein Firmenbesuch bei ZF in Gray Court einen eindrucksvollen Einblick in die Dimensionen des deutschen Foodprints in der US-Amerikanischen Automobilproduktion. Auch die aktuellen Herausforderungen durch den Schwenk weg von der Elektromobilität und dem New Normal der hohen Zölle im Automotive Sektor wurden offen diskutiert. ZF ist als großer Player im Kfz-Markt naturgemäß von den Umwälzungen in der Branche und den Kosten durch Zölle betroffen.
Die SME-Konferenz der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer am Folgetag bot dann eine weitere gute Gelegenheit zur Vernetzung mit Unternehmen, die vor Ort tätig sind. Am Freitag hieß es dann Abschied nehmen. Auch die Rückfahrt wurde wieder für einen tollen Unternehmensbesuch genutzt, diesmal bei Linde + Wiemann in Lavonia mit Hauptsitz im hessischen Dillenburg. Wie Werkleiter Josef Zacherl erläutert, wird im VW-Werk Spartanburg kein Auto produziert ohne die Bauteile von Linde + Wiemann. Auch dieses Werk beeindruckt mit modernen Produktionsanlagen und Ausweitungen sind bereits geplant.
Mein Fazit aus vielen Gesprächen: Die Herausforderungen sind groß, aber der Blick auf ist aus den USA immer deutlich optimistischer als hierzulande. Das liegt zum einen vermutlich am anderen Mindset, das sich auch Deutsche vor Ort aneignen. Zum Anderen laufen auch viele Geschäfte einfach nach wie vor gut zumal deutsche Hersteller ein gutes Standing haben sowohl bei US-Kunden als auch bei den regionalen Behörden und Wirtschaftsförderern.
Und wie lebt es sich eigentlich in Atlanta und Charlotte? Atlanta ist eine echte Großstadt mit sehr unterschiedlichen Vierteln. Besonders gut hat mir Midtown und Buckhead gefallen. Die Stadt ist viel grüner als ich dachte und auf der Beltline, einer ehemaligen Bahnstrecke, kann man wunderbar flanieren und einkehren. Geschichte und Kunst wird auch geboten und man sieht viele modisch extravagante und kreative Menschen in der auch als Black Mekka bezeichneten Stadt. Und für uns war es neu und spannend: Fahrerlose Waymo-Taxis und der Roboter-Bringdienst Wayfair haben Einzug in den Alltag gefunden. Charlotte ist im Vergleich etwas beschaulicher, gleichzeitig auch ein dynamisches Geschäftszentrum und beliebter Standort für Expats.
Das zweite Bild zeigt die Delegation in der Produktionhalle von IMS Gear in Gainesville. Ein herzlicher Dank geht an alle Beteiligten, vor allem auch an die Teilnehmer aus Hessen, die das Programm mit einem sehr lebendigem Austausch gefüllt haben.
Monika Goldbach, IHK Frankfurt am Main & Außenwirtschaftszentrum Hessen
7. Mai 2026